Ein offenes Haus war früher am Land selbstverständlich. Kein Bauernhof war abgesperrt. Wenn ein Nachbar etwas brauchte oder Besuch kam, stand die Tür offen – und es war immer wer daheim. Diese Selbstverständlichkeit des Offenseins bildet den Ausgangspunkt für das Jahresprogramm des Stieglerhauses.
Der Begriff „ZUHAUSE“ begegnet uns heute in vielen Kontexten: als Einladung („Fühlt euch ganz wie zuhaus’“), als Anspruch („Es soll schmecken wie zuhause“) oder als Wunsch nach Zugehörigkeit und Sicherheit. Gleichzeitig steht „ZUHAUSE“ auch für Besitz, Abgrenzung und die Illusion, dass Schutz und Zugehörigkeit herstellbar oder gar garantierbar seien. Zuhause ist etwas das einem gehört, das man liebt und auf das man aufpasst – und nicht gern teilt, aus Angst vor Veränderung oder Verlust. Diese Ambivalenz reicht bis in gesellschaftliche und politische Dimensionen: Wer darf sich zuhause fühlen? Wer bleibt außen vor? Und wie gehen wir mit der Welt, der Gesellschaft und der Natur um, die man im weitesten Sinn ebenfalls „zuhause“ nennen könnte?
Das Stieglerhaus versteht „ZUHAUSE“ daher nicht als festen Ort, sondern als Beziehung, Emotion und Aushandlungsprozess. Als ein Gefühl zwischen Ankommen und Fernweh, zwischen Nähe und Fremdheit, zwischen individueller Erfahrung und gemeinschaftlicher Verantwortung.
Unter dem Leitmotiv „ganz wie zu haus“ wird das Haus 2026 diese Ambivalenzen aus unterschiedlichen Perspektiven aufgreifen.
Den Auftakt bildete vergangenen Sonntag die traditionelle Neujahrs-Matinée als gemeinschaftsstiftender Moment: Musik als vertrauter Klangraum, der Nähe schafft, ohne auszuschließen.
Mit dem „OPENstieglerHAUS – Fühlen Sie sich ganz wie zustieglerhaus“ wird der Kulturort selbst heute zum temporären Zuhause: offen, durchlässig und gemeinsam gestaltet. Die derzeitige Ausstellung „unterwegs“ von Maxi Hazon setzt dazu einen bewussten Kontrapunkt zum statischen Heim. Über das gesamte Haus verteilt, verwandeln Acrylgemälde das Stieglerhaus in einen Ort der Bewegung und Erinnerung – in Spuren des Unterwegsseins. Weg und hin. Her und zurück.
Ende Jänner zeigt der Dokumentarfilm „Unsere Zeit wird kommen“ von Ivette Löcker das Zuhause als fragile Konstruktion innerhalb einer interkulturellen Ehe – zwischen Liebe, gesellschaftlichen Zuschreibungen und struktureller Ungleichheit.
Im Februar beleuchtet der Vortrag „Demokratie der unerfüllten Wünsche – ganz wie zuhaus“ von Univ.-Prof. Dr. Peter Strasser, wie politische Versprechen von Sicherheit, Wohlstand und Zugehörigkeit kippen können – und warum demokratische Errungenschaften nie selbstverständlich sind. Die zentrale Frage lautet auch hier: Wer darf sich zuhause fühlen – und zu welchem Preis?
Im März rückt der Frauenmonat in den Mittelpunkt des Programms. In den Sommermonaten laden Konzerte und eine Sommerkino-Reihe erneut in den Garten des Stieglerhauses ein und öffnen den Raum nach außen.
Ein besonderer Höhepunkt folgt im August mit der Eigenproduktion „Tschechows Garten“ [AT] (frei nach Onkel Wanja, Der Kirschgarten, Die Möwe und Drei Schwestern). Das Theaterprojekt stellt dem Sehnsuchtsort des Lands die ferne Verheißung der Stadt gegenüber und umgekehrt und verhandelt „ZUHAUSE“ als Ort der Erinnerung, der Verdrängung und der unerfüllten Hoffnung.
Dem Team des Stieglerhauses ist es ein zentrales Anliegen, die Qualität und Vielfalt des Hauses nachhaltig zu sichern. Zahlreiche etablierte Formate werden daher auch 2026 fortgeführt, darunter der Kurrentkurs (inklusive Anfängerkurs), das Repair Café, Smart Home User-Treffen sowie die Gesprächsreihe „Eine(r) von uns“. Auch das Artist-in-Residence-Programm wird weitergeführt.
In Kooperation mit Dr. Philipp Spitzer von der Universität Graz wird auch in diesem Jahr das beliebte Wissenschaftsvermittlungsformat Spotting Science fortgeführt. Ebenso wird wieder die Sommer-Theaterwerkstatt für Kinder in der ersten Ferienwoche stattfinden mit einer Abschlusspräsentation am 18. Juli. Die im Jahreskreis verankerten Veranstaltungen bleiben zudem ein wesentlicher Bestandteil des Programms und werden bewusst gepflegt.
Neuerungen gibt es unter anderem beim bisherigen Frauencafé, das künftig unter dem Namen „Frauenzeit“ unter der Woche abends stattfindet. Auch das brandneue „Tanzcafé“ wird in den Abend verlegt und lädt mit Lothar Lässer und Rainer Binder-Krieglstein zu einem beschwingten Afterwork-Format ein.
Ab 2026 wird das Programm außerdem erstmals klar in Sparten gegliedert, um Besucher:innen eine bessere Orientierung zu ermöglichen. Das Stieglerhaus zeigt sich damit je nach Schwerpunkt etwa als Stiegler-Filmhaus, das Stiegler-Bildungshaus bis hin zum Stiegler-Theaterhaus.
Auch in Zukunft setzt das Stieglerhaus auf Kontinuität und nachhaltige Kulturarbeit. Langjährige musikalische Partnerschaften – etwa mit dem Girardi Quartett, dem BIXBEAT und anderen – werden fortgeführt. Die Filmreihe „Wege in die Zukunft – Filme, die Mut machen“ in Zusammenarbeit mit Bio Ernte Austria und den Biomodellregionen Steiermark bleibt ebenso fixer Bestandteil wie das Kindertheaterfestival KUKUK in Kooperation mit dem Mezzanintheater Graz. Die Teilnahme an den weststeirischen Kunst.Kultur.Tagen „Schillern“ unterstreicht die regionale Vernetzung. Sehr erfolgreich etabliert ist zudem die kontinuierliche Zusammenarbeit mit dem Chemie-Team der Universität Graz rund um Dr. Philipp Spitzer.
„ganz wie zu haus“ bleibt im Stieglerhaus kein beruhigender Endpunkt, sondern ist eine Einladung zum Weiterdenken. Ein offener Raum, in dem Nähe zugelassen, Widersprüche ausgehalten und neue Vorstellungen von „ZUHAUSE“ verhandelt werden können
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